63 Pleiten und ein Tarifstreit

von Adrian Kempf | 13.09.2026 | Branchentrends, Standortpolitik

Wie Kostendruck das Handwerk in die Existenzkrise treibt

Das Handwerk schrumpft messbar. Das Statistische Bundesamt meldete für das zweite Quartal 2026 einen realen Umsatzrückgang von 1,4 Prozent im zulassungspflichtigen Handwerk gegenüber dem Vorjahresquartal, im zulassungsfreien Handwerk waren es 0,8 Prozent. Gleichzeitig sank die Beschäftigung im zulassungspflichtigen Sektor um 1,9 Prozent gegenüber Ende Juni 2025. Das sind keine Ausreißer eines einzelnen Quartals, sondern die Fortsetzung eines Trends, der sich seit Jahren durch fast alle Gewerbegruppen zieht – nur die Geschwindigkeit variiert.

Wer besonders leidet

Innerhalb des zulassungspflichtigen Handwerks zeigt sich ein klares Muster. Die stärksten Umsatzrückgänge verzeichneten mit je minus 2,4 Prozent das Ausbaugewerbe, die Handwerke für den gewerblichen Bedarf und das Lebensmittelgewerbe. Es folgen das Bauhauptgewerbe mit minus 1,8 Prozent, die Handwerke für den privaten Bedarf mit minus 1,6 Prozent und das Gesundheitsgewerbe mit minus 1,0 Prozent. Einzig das Kraftfahrzeuggewerbe wuchs, mit plus 0,4 Prozent. Bei der Beschäftigung liegt das Lebensmittelgewerbe mit minus 3,5 Prozent klar an der Spitze der Verlierer – der stärkste Beschäftigungsrückgang aller Gewerbegruppen, deutlich vor dem Gesundheitsgewerbe mit minus 0,8 Prozent. Am stärksten betroffen sind dabei, wie mehrere Fachmedien berichten, ausgerechnet Bäcker, Fleischer und Konditoren – also die klassischen kleinen Handwerksbetriebe mit traditionell dünnen Margen.

Bäckereien: ein Strukturwandel mit Ansage

Wie ernst die Lage im Lebensmittelhandwerk ist, zeigt die Insolvenzstatistik: Allein im ersten Halbjahr 2026 meldeten 63 Bäckereien und Konditoreien Insolvenz an – ein Anstieg von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Betroffen waren auch etablierte Namen wie die Mecklenburger Backstuben GmbH, Bäcker Lampe, Keim & Brecht und die Bäckerei Kayser. Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, spricht von einem „tiefgreifenden Strukturwandel" und warnt, dass sich das erhöhte Insolvenzgeschehen bereits seit 2023 abzeichne – kein kurzfristiges Phänomen, sondern eine Entwicklung mit Ansage.

Zwei Kräfte wirken hier zusammen. Die eine ist der Wandel im Kaufverhalten: Verbraucher greifen zunehmend zu Backwaren aus Supermarkt-Backstationen oder beim Discounter statt in der traditionellen Bäckerei – ein Marktmechanismus, dem sich kein Betrieb entziehen kann. Die andere Kraft ist hausgemacht und beeinflussbar: die Kostenexplosion bei Energie und Rohstoffen. Ein Bäcker berichtete von einem Gaspreis von 5,5 Cent pro Kilowattstunde und der Furcht vor einer Verzehnfachung. Eine Bio-Bäckerei sah ihre monatliche Stromabschlagszahlung von 700 auf 3.000 Euro steigen – mehr als das Vierfache. Der Mehlpreis hat sich nach Angaben Betroffener in den vergangenen Monaten mehr als verdoppelt, dazu kommen steigende Preise für Butter, Zucker und Milch. Bei manchen Betrieben gingen die Kundenzahlen parallel um 20 Prozent zurück, weil auch die Kundschaft selbst zu sparen beginnt. Ein Handwerkspräsident berichtete, er erhalte täglich Zuschriften von Bäckern, aus denen „die blanke Existenzangst" spreche. Ein Betrieb brachte das Dilemma auf den Punkt: „Wir können nicht jede Woche die Preise erhöhen" – gegenüber discountgetriebenen Konkurrenten fehlt schlicht der Spielraum.

Gebäudereiniger: Tarifstreit ohne Kompromiss

Ein strukturell verwandtes Bild zeigt sich im Gebäudereiniger-Handwerk, wo die erste Tarifrunde 2026 nach nur drei Stunden ergebnislos endete. Die IG BAU fordert zwei Euro mehr pro Stunde bei einer Laufzeit von zwölf Monaten – für die Einstiegsgruppe eine Steigerung von über 13 Prozent, der Branchenmindestlohn würde von 15 auf 17 Euro steigen. Der Bundesinnungsverband lehnte die Forderung ab, ohne selbst ein Gegenangebot vorzulegen. Verhandlungsführer Christian Kloevekorn brachte die Haltung der Arbeitgeberseite auf den Punkt: „Was im Juni galt, gilt auch im September. Deshalb war die heutige Tarifrunde rasch beendet." Die wirtschaftliche Begründung der Arbeitgeber deckt sich fast wörtlich mit der Lage der Bäckereien: Kunden seien nicht bereit, höhere Preise für Reinigungsleistungen zu zahlen, während gleichzeitig steigende Kosten und schwache Nachfrage die Margen weiter drücken. Verschärfend kommt eine politische Komponente hinzu, die die Branche nicht selbst verursacht hat: die geplante Minijob-Reform, die nach Einschätzung der Arbeitgeberseite die Lohnnebenkosten um mehr als 30 Prozent erhöhen könnte. Die zweite Verhandlungsrunde ist für den 22. Oktober in Köln angesetzt – bis dahin bleibt der Konflikt ungelöst.

Das strukturelle Nachfolgeproblem

Hinter den akuten Krisenmeldungen liegt ein noch größeres strukturelles Problem: Rund 54.000 mittelständischen Handwerksbetrieben droht innerhalb der kommenden zwei Jahre die Stilllegung, während sich nur etwa 49.000 Betriebe überhaupt eine Nachfolge vorstellen können. In der aktuellen Planung geben 25 Prozent der Betriebe an, eine endgültige Stilllegung anzustreben, 30 Prozent streben eine Nachfolge an, 42 Prozent haben aktuell keine konkreten Rückzugspläne. Unter jenen Betrieben, die eine Stilllegung planen, nennen 42 Prozent die Bürokratie als einen der Hauptgründe – neben dem Alter der Inhaber und mangelnder Übernahmebereitschaft in den eigenen Familien.

Einordnung

Die beiden Fälle – Bäckereien und Gebäudereiniger – zeigen denselben Mechanismus aus zwei unterschiedlichen Richtungen. Beide Branchen haben mit einem echten Marktwandel zu kämpfen, dem sich niemand entziehen kann: veränderte Kundengewohnheiten bei den Bäckereien, ein zunehmend preissensibler Auftraggebermarkt bei den Gebäudereinigern. Doch auf diesen ohnehin schon harten Wettbewerb legt sich eine zweite, vermeidbare Schicht: explodierende Energiepreise, denen kaum eine energieintensive Handwerksbranche entkommt, eine drohende Minijob-Reform, die Lohnnebenkosten um ein Drittel erhöhen könnte, und eine Bürokratielast, die laut eigener Aussage der Betriebe für fast jede zweite geplante Stilllegung mitverantwortlich ist. Der Markt allein hätte diese Betriebe vor eine schwierige, aber lösbare Aufgabe gestellt – Anpassung, Digitalisierung, neue Angebote. Was aus der schwierigen eine existenzielle Aufgabe macht, ist die zusätzliche, staatlich verursachte Kostenlast, die genau dann obendrauf kommt, wenn ohnehin kein Spielraum mehr da ist. Wer über verändertes Kaufverhalten oder eine harte Tarifrunde nicht viel ausrichten kann, könnte an den staatlich beeinflussten Stellschrauben – Energiepolitik, Lohnnebenkosten, Bürokratie – sehr wohl etwas ändern. Genau dort bleibt die Politik bislang die Antwort schuldig.

Adrian Kempf
Redakteur für Unternehmenskommunikation, Grafik- und Mediengestalter,
Kirchzarten im Dreisamtal

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