569.000 Betriebe ohne Nachfolger

von Adrian Kempf | 14.09.2026 | Branchentrends, Standortpolitik

Wie Insolvenzrekorde, Bürokratie und ein zu langsamer Staat den Mittelstand austrocknen

Der deutsche Mittelstand verliert an Substanz – nicht schleichend, sondern messbar und beschleunigt. Creditreform zählte im ersten Halbjahr 2026 bundesweit 12.900 Unternehmensinsolvenzen, ein Anstieg von 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Stand seit 2013. Dazu kommen 38.800 Verbraucherinsolvenzen, ein Plus von 2,3 Prozent. Insgesamt sind 165.000 Arbeitsplätze betroffen, der wirtschaftliche Schaden beziffert sich auf 28,5 Milliarden Euro. Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, ordnet die Zahlen unmissverständlich ein: „Die steigenden Insolvenzzahlen offenbaren eine tiefe strukturelle Krise bei unseren Unternehmen, die durch den Konflikt im Nahen Osten noch mal verschärft wurde." Bemerkenswert ist ein zweiter Effekt, den Hantzsch beschreibt: Nach Jahren rückläufiger Gründungszahlen entstehen wieder mehr neue Unternehmen – „Mehr Gründungen heißt aber auch, dass mehr scheitern." Der Mittelstand steht also gleichzeitig unter Druck von zwei Seiten: etablierte Betriebe geben auf, während neue Betriebe in einem schwierigeren Umfeld starten als je zuvor.

Wer die Krise trifft

Die Insolvenzwelle verteilt sich nicht gleichmäßig. Am stärksten betroffen ist der Dienstleistungssektor mit einem Anstieg von 12,6 Prozent – er stellt inzwischen 61,2 Prozent aller Insolvenzfälle. Das Baugewerbe folgt mit einem Plus von 4,5 Prozent. Einzig der Handel verzeichnet mit minus 1,3 Prozent einen Rückgang – eine Ausnahme, die die Grundrichtung eher bestätigt als widerlegt. Als Treiber nennt Creditreform eine mehrjährige wirtschaftliche Rezession, verschärft durch geopolitische Krisen: Der Nahostkonflikt und die Blockade der Straße von Hormus haben Energie- und Rohstoffpreise erneut nach oben getrieben, während gestiegene Kreditkosten infolge der EZB-Zinserhöhungen die Finanzierungslast erhöhen. Besonders alarmierend ist ein struktureller Befund: 7,5 Prozent der Unternehmen können ihre Zinszahlungen inzwischen nicht mehr ausreichend aus dem laufenden operativen Geschäft decken – sie zehren von der Substanz, nicht vom Ertrag.

Das eigentliche Zeitbomben-Problem: die Nachfolge

Während die Insolvenzstatistik die akute Krise zeigt, offenbart das KfW-Mittelstandspanel ein noch größeres strukturelles Problem, das sich über Jahre aufgebaut hat und erst jetzt sichtbar wird. Rund 25 Prozent der mittelständischen Unternehmen erwägen eine Stilllegung nach dem Ausscheiden der aktuellen Eigentümergeneration – keine Insolvenz, sondern eine bewusste Entscheidung, den Betrieb nicht fortzuführen. Bezogen auf alle Unternehmer mit konkreten Rückzugsplänen bis Ende 2029 heißt das: 569.000 Betriebe sollen schlicht nicht weitergeführt werden.

Drei Gründe stehen dahinter, und ihre Gewichtung verschiebt sich gerade dramatisch. Erstens das Alter der Eigentümer: 57 Prozent der Mittelständler sind 2025 mindestens 55 Jahre alt, ein Anstieg von drei Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr – die demografische Komponente ist real, aber sie wächst langsam und vorhersehbar. Zweitens die fehlende familieninterne Nachfolgebereitschaft, die 47 Prozent der Betriebe angeben – ebenfalls ein langfristiger gesellschaftlicher Trend. Drittens, und das ist der eigentliche Alarmwert dieser Erhebung, die Bürokratie: 42 Prozent der Betriebe mit Stilllegungsplänen führen zunehmende Verwaltungshürden als Grund an – ein Sprung von 12 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Von den drei Faktoren ist das mit Abstand die stärkste Verschlechterung, und es ist der einzige, der sich politisch unmittelbar beeinflussen ließe. KfW-Chefvolkswirt Dr. Dirk Schumacher bringt die wirtschaftliche Tragweite auf den Punkt: „Die Lösung der Nachfolgeproblematik ist entscheidend für Wachstum und Investitionen im Mittelstand." Sein zentraler Befund: Unternehmer, die bereits eine Nachfolge gefunden haben, investieren wieder spürbar stärker – wer die Zukunft seines Betriebs nicht kennt, hält dagegen sein Kapital zurück. Jeder Betrieb, der wegen Bürokratie aufgegeben wird, ist damit nicht nur ein verlorener Arbeitgeber, sondern auch verlorenes Investitionspotenzial für die gesamte Volkswirtschaft.

Die Antwort der Politik: der Wachstumsbooster 2026

Die Bundesregierung ist nicht untätig. Mit dem sogenannten Wachstumsbooster, im Sommer 2025 verabschiedet, liegt ein Gesetzespaket vor, das Investitionen steuerlich attraktiver machen soll. Kernstück ist eine beschleunigte Abschreibung: Für Maschinen und Geräte, die zwischen Juli 2025 und Dezember 2027 angeschafft werden, können Unternehmen im ersten Jahr bis zu 30 Prozent der Anschaffungskosten abschreiben, statt sie über die gesamte Nutzungsdauer zu verteilen. Die Körperschaftsteuer soll stufenweise sinken – von aktuell 27 Prozent über 26 Prozent (2030–2031) auf schließlich 25 Prozent ab 2032, ein paralleler Steuersatzrückgang gilt über den Thesaurierungssteuersatz auch für Einzelunternehmen und Personengesellschaften. Hinzu kommen Sonderabschreibungen von 75 Prozent im ersten Jahr für Elektrofahrzeuge, eine auf 100.000 Euro angehobene Preisgrenze für geförderte Dienstwagen sowie eine von 10 auf 12 Millionen Euro erhöhte Bemessungsgrundlage bei der Forschungszulage.

Einordnung

Das Problem an diesem Paket ist nicht sein Inhalt, sondern sein Tempo im Verhältnis zur Dringlichkeit der Lage. Die Körperschaftsteuer erreicht ihren vollen Zielwert erst im Jahr 2032 – sechs Jahre, nachdem die Insolvenzzahlen bereits den höchsten Stand seit 2013 erreicht haben. Wichtiger noch: Der Wachstumsbooster adressiert vor allem Unternehmen, die investieren wollen und können. Er tut praktisch nichts gegen den Faktor, der beim Nachfolgeproblem am schnellsten wächst – die Bürokratie, die binnen eines Jahres um zwölf Prozentpunkte häufiger als Schließungsgrund genannt wurde. Ein Betriebsinhaber, der seinen Laden aufgibt, weil ihm die Verwaltungslast über den Kopf wächst, wird durch eine niedrigere Körperschaftsteuer im Jahr 2032 nicht zurückgehalten. Steuerliche Anreize helfen dort, wo Kapital fehlt. Sie helfen nicht dort, wo Zeit, Nerven und Planungssicherheit fehlen – und genau das ist es, was Betriebsinhaber laut eigener Aussage am häufigsten in die Stilllegung treibt. Wer 569.000 Betriebe retten will, muss zuerst bei der Bürokratie ansetzen, nicht erst 2032 bei der Steuer.

Adrian Kempf
Redakteur für Unternehmenskommunikation, Grafik- und Mediengestalter,
Kirchzarten im Dreisamtal

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