225.000 Jobs in Gefahr

von Adrian Kempf | 12.09.2026 | Standortpolitik

Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auf historischem Tiefstand
Eine Bestandsaufnahme in Zahlen, Fakten und Positionen

Die deutsche Industrie steckt in der tiefsten strukturellen Krise seit Jahrzehnten. Das ist keine zugespitzte Formulierung aus der Wirtschaftspresse, sondern die eigene Einschätzung der Bundesregierung: Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche sprach zuletzt offen von einer „strukturellen Krise", die Lage sei „ernst". Das Ifo-Institut liefert dazu die Zahlen: 36,6 Prozent der Industrieunternehmen berichten von sinkender Wettbewerbsfähigkeit außerhalb der EU, 21,5 Prozent auch gegenüber anderen EU-Staaten – beide Werte markieren historische Tiefstände seit Beginn der Erhebung. „Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie befindet sich auf einem neuen Tiefpunkt. Das zeigt, wie stark die strukturellen Probleme inzwischen durchschlagen", kommentiert Ifo-Ökonom Klaus Wohlrabe.

Wer verstehen will, was hinter diesen Prozentzahlen steckt, muss auf die einzelnen Branchen schauen. Dort zeigt sich: Es handelt sich nicht um eine vorübergehende Konjunkturdelle, sondern um einen Umbau mit Verlierern auf breiter Front.

Die Produktionszahlen im Detail

Das Statistische Bundesamt meldete für Juli 2026 einen Rückgang der Produktion im Produzierenden Gewerbe von 1,1 Prozent gegenüber dem Vormonat. Bei der Industrieproduktion im engeren Sinn – ohne Energie und Baugewerbe – fiel der Rückgang mit 2,2 Prozent noch deutlicher aus. Im Jahresvergleich zu Juli 2025 lag die Industrieproduktion sogar 3,3 Prozent niedriger. Besonders betroffen war die Automobilindustrie mit einem Einbruch von 9,2 Prozent, bedingt durch eine mehrwöchige Produktionspause, gefolgt von den Investitionsgüterherstellern mit minus 3,4 Prozent und den Konsumgüterproduzenten mit minus 2,2 Prozent. Auch energieintensive Branchen insgesamt verzeichneten ein Minus von 1,7 Prozent. Einzig die Energieerzeugung legte kräftig zu, angetrieben von Wind- und Solarstrom – ein Wachstum, das die Substanzverluste im verarbeitenden Gewerbe jedoch nicht annähernd ausgleicht.

Die Automobilindustrie als Fallbeispiel

Kaum eine Branche zeigt den Strukturwandel so deutlich wie die Automobilindustrie. Laut Statistischem Bundesamt beschäftigte die Branche zum Ende des ersten Halbjahres 2026 rund 42.300 Menschen weniger als ein Jahr zuvor – ein Rückgang von 5,8 Prozent, der stärkste aller großen Industriezweige mit mehr als 200.000 Beschäftigten. Mit 691.500 Beschäftigten erreichte die Branche den niedrigsten Personalstand seit 2005. Innerhalb der Branche traf es die Autohersteller selbst mit minus 6,1 Prozent (429.200 Beschäftigte) und die Teile- und Zubehörzulieferer mit minus 7,6 Prozent (219.500 Beschäftigte) besonders hart; einzig die Karosseriezulieferer verzeichneten mit plus 10,0 Prozent (42.800 Beschäftigte) ein Wachstum.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) rechnet mit einer weiteren Verschärfung: Bis 2035 könnten 225.000 Arbeitsplätze verloren gehen – 35.000 mehr, als noch vor wenigen Monaten erwartet. Seit 2019 sind in der Branche bereits rund 100.000 Stellen weggefallen, allein 2025 etwa 50.000. VDA-Präsidentin Hildegard Müller benennt die Ursachen unmissverständlich: hohe Steuern und Abgaben, teure Energie, überdurchschnittliche Lohnkosten und „ausufernde Bürokratie". Verschärft wird die Lage durch den technologischen Umbruch zur Elektromobilität, da Elektromotoren deutlich weniger Bauteile benötigen als Verbrennungsmotoren. Wie konkret sich das auswirkt, zeigt der Fall Opel/Stellantis in Rüsselsheim: Dort sollen 650 der 1.650 Ingenieursstellen wegfallen – 40 Prozent der Entwicklungsabteilung –, insgesamt sollen bis zu 4.100 Beschäftigte das Unternehmen über Abfindungsprogramme verlassen. Der VDA selbst weist darauf hin, dass eine technologieoffenere Politik den Stellenabbau auf etwa 75.000 begrenzen und damit rund 50.000 Arbeitsplätze in Deutschland erhalten könnte.

Die Chemieindustrie: drittes Verlustjahr in Folge

Auch die Chemieindustrie, traditionell einer der Grundpfeiler des deutschen Industriemodells, kommt nicht aus der Krise. Laut Halbjahresbilanz des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) lag die Produktion im ersten Halbjahr 2026 rund 3 Prozent unter dem Vorjahreswert, der Umsatz sank um 1 Prozent auf 106 Milliarden Euro. Die Sachanlageinvestitionen gehen bereits das dritte Jahr in Folge zurück und liegen inzwischen etwa 15 Prozent unter dem Niveau von 2023. Viele Anlagen sind unterausgelastet, Produktion und Absatz bewegen sich deutlich unter dem Niveau von 2021. Für das Gesamtjahr 2026 rechnet der VCI mit einem weiteren Produktionsrückgang von 1,5 Prozent. VCI-Präsident Markus Steilemann warnt vor verfrühter Entwarnung: „Eine leichte Belebung ist kein Grund zur Entwarnung", so Steilemann, der stattdessen umfassende Strukturreformen statt weiterer Einzelmaßnahmen fordert.

Der Kostenfaktor Energie

Ein zentraler, immer wiederkehrender Belastungsfaktor ist der Energiepreis. Eine Studie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) beziffert den deutschen Industriestrompreis 2025 auf rund 14 Cent pro Kilowattstunde, gegenüber einem EU-Durchschnitt von 12 Cent. Frankreich liegt bei 8 Cent, Spanien bei 10 Cent. Im globalen Vergleich zahlen Unternehmen in den USA und Kanada nur etwa 8 Cent, in China rund 9 Cent. Noch drastischer ist der Unterschied beim Gas: Während deutsche Industriebetriebe 2025 mit 4,7 Cent pro Kilowattstunde kalkulieren mussten, kamen nordamerikanische Wettbewerber mit rund 1 Cent aus – etwa einem Fünftel des deutschen Preises. Als Haupttreiber identifiziert die Studie staatliche Belastungen: Netzentgelte von knapp 3 Cent pro Kilowattstunde gegenüber einem EU-Schnitt von 1,73 Cent sowie Steuern, Abgaben und Umlagen, die bei stromintensiven Unternehmen zusätzlich 2,75 Cent pro Kilowattstunde ausmachen. Hinzu kommt ein struktureller Nachteil: Während Nordamerika von eigener Gasförderung durch Fracking profitiert, fehlt Deutschland eine nennenswerte heimische Gasproduktion vollständig.

Verlagerung ins Ausland nimmt Fahrt auf

Die Folgen dieser Kostenstruktur zeigen sich in den Verlagerungsplänen des Mittelstands. Eine aktuelle KfW-Studie zeigt: Acht Prozent der auslandsaktiven Industrieunternehmen haben zuletzt bereits Produktion ins Ausland verlagert, 29 Prozent planen dies für die kommenden fünf Jahre. Als Hauptgründe nennen die Unternehmen Bürokratie (65 Prozent stufen sie als hohes Risiko ein, 2023 waren es erst 48 Prozent), Steuern und Abgaben (60 Prozent, nach 34 Prozent 2023) sowie Energiekosten (41 Prozent, nach 21 Prozent 2023) – in allen drei Kategorien hat sich die Risikowahrnehmung binnen weniger Jahre massiv verschärft. Hinzu kommt internationaler Konkurrenzdruck: 34 Prozent der Betriebe im Verarbeitenden Gewerbe berichten von wachsendem Wettbewerb durch günstige chinesische Angebote, 28 Prozent nehmen zunehmende Qualitätskonkurrenz aus China wahr. Parallel konzentrieren sich 24 Prozent der Industrieunternehmen stärker auf den EU-Binnenmarkt als Absatzregion – ein Rückzug auf sichereres Terrain, der langfristiges Wachstum eher bremst als fördert.

Was die Industrie von der Politik fordert

Angesichts dieser Zahlen fordert der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ein umfassendes Reformpaket. Im Zentrum steht der konsequente Abbau von Verwaltungslasten, konkret auch die vorübergehende Aussetzung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes bis zur ohnehin anstehenden EU-Umsetzung 2029. In der Steuerpolitik verlangt der Verband eine investitionsfreundliche Ausrichtung, die vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags und die Ablehnung jeder weiteren Steuerbelastung. Beim Arbeitsmarkt fordert der BDI mehr Flexibilität sowie eine Senkung der Sozialbeiträge auf maximal 40 Prozent, verbunden mit einer aktivierenden statt verwaltenden Arbeitsmarktpolitik. BDI-Präsident Peter Leibinger betont, dass konkrete politische Reformen Unternehmen motivieren würden, Investitionen zu tätigen – die Lage erfordere schnelles Handeln statt zögerlicher Trippelschritte. BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner bringt den Kern des Problems auf den Punkt: Wettbewerbsfähigkeit entstehe nicht durch Einzelkorrekturen, sondern nur durch ein Gesamtpaket aus Kostenentlastung, dem Abbau von Hemmnissen und klaren Investitionssignalen.

Einordnung

Diese Zahlen zeigen eine Krise, die nicht vom Himmel gefallen ist. Weder Energiepreise noch Bürokratielasten noch Abgabenquote sind Naturgesetze – sie sind das Ergebnis politischer Entscheidungen der vergangenen Jahre und lassen sich durch politische Entscheidungen auch wieder zurückdrehen. Wenn 29 Prozent der auslandsaktiven Mittelständler über Verlagerung nachdenken und sich die Risikowahrnehmung bei Bürokratie, Steuern und Energiekosten binnen drei Jahren verdoppelt bis verdreifacht hat, dann ist das kein Betriebsunfall der Weltwirtschaft, sondern ein hausgemachtes Problem. Die Automobilindustrie verliert Arbeitsplätze nicht in erster Linie, weil sie den technologischen Wandel verschläft, sondern weil hohe Steuern, teure Energie und ausufernde Bürokratie jede Transformation zusätzlich verteuern. Die Chemieindustrie fährt Investitionen zurück, weil sich Kapital am Standort Deutschland nicht mehr rechnet, wenn es anderswo günstiger produzieren kann. Wer diesen Trend umkehren will, muss an genau diesen drei Stellschrauben ansetzen – Bürokratieabbau, Energiekosten, Steuer- und Abgabenlast – und zwar nicht als Ankündigung, sondern als Reformpaket mit Wirkung. Alles andere bedeutet, denselben Bericht in einem Jahr noch einmal zu schreiben, nur mit schlechteren Zahlen.

Adrian Kempf
Redakteur für Unternehmenskommunikation, Grafik- und Mediengestalter,
Kirchzarten im Dreisamtal

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