Jedes dritte Unternehmen fast ohne Eigenkapital – der Mittelstand steuert auf ein verlorenes Jahrzehnt zu

Es gibt Zahlen, die man einmal liest und dann noch einmal, weil man sich verhört zu haben glaubt. 37,3 Prozent. So viele Mittelständler in Deutschland planen aktuell noch ein konkretes Investitionsvorhaben. Vor fünf Jahren waren es über 50 Prozent, im vergangenen Jahr noch 43,5 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit zwanzig Jahren – und er trifft auf eine Wirtschaft, in der gleichzeitig so viele Unternehmen pleitegehen wie zuletzt vor über zwei Jahrzehnten. Wer in Handwerk, Mittelstand oder Industrie ein Unternehmen führt, bekommt diese Entwicklung nicht als abstrakte Statistik zu spüren, sondern als Kunde, der später zahlt, als Lieferant, der plötzlich nicht mehr liefert, oder als Bank, die bei der nächsten Kreditanfrage genauer hinschaut als noch vor zwei Jahren.

Die Herbstumfrage: ein Stimmungsbild mit Rissen

Die Creditreform Wirtschaftsforschung befragt zweimal im Jahr rund 1.200 kleine und mittelgroße Unternehmen zu ihrer wirtschaftlichen Lage. Die am 8. Oktober 2026 veröffentlichte Herbstumfrage zeigt auf den ersten Blick eine leichte Aufhellung: Der Geschäftsklimaindex kletterte von +0,1 auf +1,1 Punkte, und 20,2 Prozent der Unternehmen melden steigende Auftragseingänge. Das klingt nach Stabilisierung – bis man die zweite Ebene der Umfrage betrachtet. Bei der Beschäftigung herrscht seit drei Jahren Stillstand: 14,5 Prozent der Betriebe haben zuletzt Personal aufgebaut, 18,6 Prozent abgebaut, per Saldo bewegt sich seit drei Jahren nichts mehr. Und bei den Investitionen zeigt sich der eigentliche Bruch: Nur noch 37,3 Prozent der befragten Unternehmen haben ein konkretes Investitionsvorhaben in der Planung. Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, bringt es auf den Punkt: „Deutschland lebt derzeit von der Hoffnung.” Gebremst werde die Investitionsneigung von gestiegenen Zinsen und anhaltender Unsicherheit – zwei Faktoren, die sich gegenseitig verstärken, weil Unsicherheit die Zinsen hochhält und hohe Zinsen die Unsicherheit verlängern.

Die Achillesferse: Eigenkapital

Der eigentliche Alarmwert der Studie betrifft die Substanz der Unternehmen selbst. Ein Drittel der befragten Mittelständler – genau 33,0 Prozent – hat eine Eigenkapitalquote von unter 10 Prozent. Im Vorjahr lag dieser Anteil bei 33,2 Prozent und markierte damit schon den höchsten Wert seit fast zwanzig Jahren. Gleichzeitig ist der Anteil der finanziell robusten Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote über 30 Prozent von 35,7 auf 33,0 Prozent gesunken. Die beiden Kurven nähern sich also an – nicht, weil die schwachen Unternehmen aufholen, sondern weil die soliden Unternehmen abrutschen. Hantzsch benennt den Zusammenhang direkt: „Die Eigenkapitalschwäche im Mittelstand ist auch ein Grund für die gestiegenen Insolvenzzahlen.” Wer wenig Eigenkapital hat, kann schwache Monate nicht abfedern, muss bei jeder Umsatzdelle sofort Kredit aufnehmen oder Rechnungen strecken – und genau das bringt eine Kettenreaktion in Gang, die am Ende die soliden Zulieferer und Dienstleister mit in den Abwärtssog zieht, wenn ihre Kunden ausfallen.

Die Insolvenzzahlen: der höchste Stand seit der Finanzkrise

Was in der Umfrage als Stimmung erscheint, lässt sich in den amtlichen Zahlen hart belegen. Das Statistische Bundesamt meldete für April 2026 insgesamt 2.276 beantragte Unternehmensinsolvenzen – ein Plus von 7,1 Prozent gegenüber April 2025. Für Juni 2026 waren es 2.266 Insolvenzanträge, ein Anstieg von 15,8 Prozent zum Vorjahresmonat. In Summe kam Deutschland im ersten Halbjahr 2026 auf 12.900 Unternehmensinsolvenzen – 7,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und der höchste Wert seit 2013. Die Gläubigerforderungen für die ersten vier Monate des Jahres beliefen sich auf rund 13,9 Milliarden Euro, deutlich weniger als die 22,5 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum – ein Hinweis darauf, dass es derzeit vor allem kleinere und mittlere Betriebe trifft, nicht die großen Schlagzeilen-Pleiten.

Noch eindrücklicher sind die Zahlen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), das Insolvenzbekanntmachungen der Registergerichte auswertet und dabei auch wirtschaftlich relevantere Fälle erfasst als die amtliche Statistik. Im zweiten Quartal 2026 zählte das IWH 4.996 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften – rund neun Prozent mehr als im ersten Quartal und der höchste Wert seit dem zweiten Quartal 2005, als es 5.295 Fälle waren. Besonders brisant: Allein im Juni 2026 waren rund 45.500 Arbeitsplätze von den Insolvenzen des zweiten Quartals betroffen, bei den zehn größten Fällen des Monats allein schon über 14.000. Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung, ordnet das so ein: Das Insolvenzgeschehen bleibe auf außergewöhnlich hohem Niveau, die Lage sei schwierig und treffe die Wirtschaft breit gestreut. Für das dritte Quartal 2026 erwartet er weiterhin höhere Insolvenzzahlen als im Vorjahr. Besonders betroffen sind laut IWH das Baugewerbe, das Grundstücks- und Wohnungswesen, der Handel, das Gastgewerbe und unternehmensnahe Dienstleistungen – nahezu die gesamte Breite des Mittelstands also, mit Ausnahme des verarbeitenden Gewerbes, das sein Vorjahresniveau noch nicht erreicht hat.

Was das für den eigenen Betrieb bedeutet

Diese Zahlen sind kein Problem, das nur insolvente Unternehmen selbst betrifft. Wer als Handwerksbetrieb, Industriezulieferer oder Dienstleister Rechnungen stellt, hat es zunehmend mit Kunden zu tun, deren Eigenkapitaldecke dünn ist. Jeder dritte Auftraggeber in Deutschland bewegt sich damit statistisch in einer Zone, in der ein einziger schlechter Quartalsverlauf die Zahlungsfähigkeit kippen kann. Das verändert, wie vorsichtig Betriebe bei der Vergabe von Zahlungszielen, bei Vorkasse-Vereinbarungen und bei der Bonitätsprüfung neuer Geschäftspartner sein sollten – eine Nachlässigkeit, die sich noch vor zwei, drei Jahren niemand ernsthaft leisten musste, ist heute ein beträchtliches unternehmerisches Risiko. Gleichzeitig wird die eigene Finanzierung schwieriger: Banken reagieren auf die gestiegene Zahl der Firmenpleiten erfahrungsgemäß mit vorsichtigerer Kreditvergabe und strengeren Sicherheitenanforderungen – gerade für Betriebe, die selbst nur eine dünne Eigenkapitaldecke vorweisen können.

Ein Blick auf das aktuelle KfW-Mittelstandspanel bestätigt das Bild in einer wichtigen Nuance: Der Mittelstand als Ganzes ist beschäftigungsseitig robust – rund 33 Millionen Erwerbstätige, ein Plus von 207.000 Personen und damit ein Rekordhoch –, aber die Investitionsquote verharrt bei nur 39 Prozent der rund 3,87 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen, nahe dem Allzeittief. KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher beschreibt die Lage als Glas, das „halb voll” sei, nennt die anhaltende Investitionsschwäche aber zugleich „kein gutes Zeichen”. Diese Kombination – stabile Beschäftigung, aber erlahmende Investitionstätigkeit – ist typisch für eine Wirtschaft, die sich nicht mehr erneuert: Betriebe halten ihr Personal, weil Fachkräfte knapp und teuer in der Wiederbeschaffung sind, scheuen aber jede größere Investition, weil die Unsicherheit über Energiepreise, Zinsen und Standortbedingungen zu groß ist, um sich langfristig zu binden.

Was Hantzsch von der Politik fordert

Auffällig ist, dass Hantzsch in seiner Einschätzung explizit gegen schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme argumentiert: „Ein schuldenfinanziertes Sondervermögen bringt Deutschland langfristig nicht wieder in die Erfolgsspur zurück.” Stattdessen fordert er strukturelle Verbesserungen – wettbewerbsfähige Energiepreise, zügigen Bürokratieabbau und Schutz vor unfairem Wettbewerb. Seine Begründung: Die wirtschaftlichen Belastungen seien in der Realität vieler Betriebe weiterhin schlicht zu hoch, unabhängig davon, wie viel zusätzliches Geld der Staat in die Konjunktur pumpt. Diese Haltung ist nicht unumstritten. Befürworter staatlicher Investitionsprogramme halten dagegen, dass gerade in einer Phase schwacher privater Investitionen öffentliche Infrastrukturausgaben – etwa aus dem Sondervermögen für Infrastruktur – die einzige kurzfristig verfügbare Stütze für Auftragseingänge im Bau- und Ausrüstungsgewerbe sind, und dass strukturelle Reformen wie ein spürbarer Bürokratieabbau erfahrungsgemäß Jahre brauchen, bis sie in den Bilanzen der Betriebe ankommen. Wer auf rein strukturelle Lösungen setzt, riskiert nach dieser Lesart, dass die Durststrecke für eigenkapitalschwache Betriebe schlicht zu lang wird, bevor die Reformen wirken.

Unabhängig davon, welche wirtschaftspolitische Antwort man für richtiger hält, bleibt der Befund der Herbstumfrage eindeutig: Der deutsche Mittelstand verliert an Substanz, während er gleichzeitig unter wachsendem Kostendruck steht. Für Handwerk, Industrie und Mittelstand gleichermaßen heißt das, die eigene Bonität und die der wichtigsten Geschäftspartner genauer im Blick zu behalten, als es die vergangenen Boomjahre nötig gemacht haben – und sich darauf einzustellen, dass die aktuelle Schwächephase eher Jahre als Monate dauern dürfte.

Adrian Kempf
Redakteur für Unternehmenskommunikation, Grafik- und Mediengestalter, Kirchzarten im Dreisamtal

Nutzungs- und Zitatgenehmigung
Die vollständige oder auszugsweise Wiedergabe dieses Textes ist mit Quellenangabe gestattet. Bitte verwenden Sie als Quellenangabe: „Adrian Kempf, branchenvisuell"
Der Text darf weitergeleitet, veröffentlicht, in sozialen Medien geteilt oder als Aushang verwendet werden.
Redaktionelle Kürzungen sind zulässig, sofern Sinn und Aussage des Textes nicht verfälscht werden.

Diese Nutzungsgenehmigung gilt für die auf branchenvisuell.de veröffentlichten Fachbeiträge.
Individuell beauftragte Texte unterliegen gesondert vereinbarten Nutzungsrechten.
© Adrian Kempf, branchenvisuell – Kirchzarten im Dreisamtal
https://branchenvisuell.de